Wenn ein Angehöriger mit einer Trachealkanüle nach Hause kommt, ist vieles neu: Geräte, Zubehör, Handgriffe, für die im Krankenhaus jemand zuständig war. Dieser Beitrag erklärt die Begriffe und ordnet ein, was im Alltag auf Sie zukommt.
Wichtig vorweg: Dieser Text ist keine Anleitung zum Selbermachen. Der Umgang mit einer Trachealkanüle – Absaugen, Wechsel, Notfallmaßnahmen – erfordert eine persönliche Einweisung durch Fachpersonal am konkreten Menschen und am konkreten Material. Führen Sie nur das durch, worin Sie nachweislich eingewiesen wurden.
Was eine Trachealkanüle ist
Eine Trachealkanüle ist ein kurzes, gebogenes Röhrchen, das über einen operativ angelegten Zugang am Hals – das Tracheostoma – in die Luftröhre führt. Sie hält den Atemweg offen. Die Luft strömt dann nicht mehr durch Nase und Mund, sondern direkt über die Kanüle in die Lunge.
Das hat Folgen, die den Alltag prägen: Die Atemluft wird nicht mehr durch die Nase angewärmt, befeuchtet und gefiltert. Deshalb gehören künstliche Nasen oder eine aktive Befeuchtung zur Standardausstattung. Auch der Geruchssinn ist beeinträchtigt, und Sprechen funktioniert nicht mehr automatisch.
Warum eine Trachealkanüle gelegt wird
Die Gründe unterscheiden sich, laufen aber auf denselben Punkt hinaus: Der obere Atemweg reicht nicht mehr aus oder muss geschützt werden. Typische Anlässe sind eine langfristige maschinelle Beatmung, eine Verengung oder Verlegung der oberen Atemwege, eine ausgeprägte Schluckstörung mit der Gefahr, dass Speichel oder Nahrung in die Lunge gelangen, sowie neurologische Erkrankungen, bei denen das Abhusten nicht mehr gelingt und Sekret regelmäßig abgesaugt werden muss.
Eine Trachealkanüle bedeutet nicht zwangsläufig eine dauerhafte Beatmung. Viele Menschen atmen selbstständig und benötigen die Kanüle allein zum Schutz des Atemwegs oder zum Absaugen.
Geblockt oder ungeblockt
Die wichtigste Unterscheidung im Alltag betrifft den Cuff – eine kleine aufblasbare Manschette am unteren Ende der Kanüle.
Bei einer geblockten Kanüle ist dieser Cuff mit Luft gefüllt und dichtet die Luftröhre gegen die Kanüle ab. Das ist nötig, wenn maschinell beatmet wird oder wenn ein hoher Schutz vor dem Eindringen von Sekret in die Lunge erforderlich ist. Weil die Luft vollständig durch die Kanüle strömt und nicht mehr an den Stimmbändern vorbeikommt, ist Sprechen mit geblockter Kanüle in der Regel nicht möglich. Der Cuff-Druck muss regelmäßig kontrolliert werden – zu viel Druck schädigt die Schleimhaut, zu wenig hebt die Schutzwirkung auf.
Bei einer ungeblockten Kanüle ist die Manschette entleert oder gar nicht vorhanden. Luft kann an der Kanüle vorbei nach oben strömen, wodurch Sprechen möglich wird. Der Schutz vor Aspiration ist dafür geringer.
Ob und wie lange geblockt wird, entscheidet das Behandlungsteam anhand von Beatmungssituation und Schluckfunktion. Verändern Sie die Blockung niemals eigenmächtig.
Pflege und Kanülenwechsel
Zur täglichen Versorgung gehören die Reinigung der Haut um das Tracheostoma, der Wechsel der Trachealkompresse unter dem Kanülenschild, die Kontrolle des Halteband-Sitzes und die Beobachtung der Haut auf Rötungen, Druckstellen oder Entzündungszeichen.
Viele Kanülen haben eine Innenkanüle, die herausgenommen und gereinigt oder ersetzt werden kann, ohne die äußere Kanüle zu bewegen. Das ist die übliche Routine bei Sekretkrusten.
Der Wechsel der gesamten Kanüle ist etwas anderes. Er wird von geschultem Personal durchgeführt – einer entsprechend qualifizierten Pflegefachkraft oder ärztlich. Er birgt das Risiko, dass sich das Stoma zusammenzieht oder die neue Kanüle nicht korrekt platziert wird. In welchen Abständen gewechselt wird, richtet sich nach Kanülentyp und ärztlicher Anordnung. Angehörige sollten den Wechsel nur übernehmen, wenn sie ausdrücklich dafür eingewiesen wurden und sich sicher fühlen – und auch dann nie als alleinige Absicherung.
Absaugen
Weil der Hustenstoß über die Kanüle weniger wirksam ist, sammelt sich Sekret in der Luftröhre. Es wird mit einem Absauggerät und einem Katheter entfernt. Hinweise darauf, dass Absaugen nötig ist, sind brodelnde oder rasselnde Atemgeräusche, sichtbare Atemnot, Unruhe oder bei beatmeten Menschen steigende Beatmungsdrücke.
Abgesaugt wird nach Bedarf, nicht nach festem Plan. Die Maßnahme ist belastend und reizt die Schleimhaut, deshalb gilt: so oft wie nötig, so selten wie möglich. Hygienisches Arbeiten ist entscheidend, da mit dem Katheter Keime direkt in die tiefen Atemwege gelangen können. Wie tief, wie lange und mit welchem Sog abgesaugt wird, ist Teil der Einweisung und hier bewusst nicht beschrieben.
Sprechen mit dem Sprechventil
Sprechen ist häufig möglich, wenn die medizinischen Voraussetzungen stimmen. Ein Sprechventil wird auf die Kanüle gesetzt und lässt Luft beim Einatmen hinein, beim Ausatmen jedoch nicht wieder heraus. Die Ausatemluft strömt stattdessen an der Kanüle vorbei durch den Kehlkopf – und bringt die Stimmbänder zum Schwingen.
Voraussetzung ist, dass die Kanüle entblockt ist und genug Platz für die Luft nach oben bleibt. Ein Sprechventil darf niemals auf eine geblockte Kanüle gesetzt werden – die Ausatemluft hätte dann keinen Weg nach draußen. Das ist die wichtigste Sicherheitsregel im Umgang mit Sprechventilen.
Ob ein Sprechventil infrage kommt und wie lange es getragen werden darf, klärt in der Regel die Logopädie gemeinsam mit dem ärztlichen Team. Selbst wenn Sprechen nicht möglich ist, gibt es Wege der Verständigung: Schreibtafeln, Buchstabentafeln, Tablets mit Sprachausgabe, vereinbarte Zeichen.
Essen und Trinken
Ob jemand mit einer Trachealkanüle essen und trinken darf, hängt von der Schluckfunktion ab – nicht von der Kanüle allein. Eine Trachealkanüle verhindert das Verschlucken nicht, sie kann den Schluckvorgang sogar beeinträchtigen.
Deshalb steht am Anfang eine logopädische Schluckdiagnostik, oft ergänzt durch eine endoskopische Untersuchung. Je nach Ergebnis reicht die Bandbreite von normaler Kost über angedickte Flüssigkeiten und pürierte Speisen bis zur vollständigen Ernährung über eine Sonde. Beginnen Sie niemals eigenmächtig mit Nahrung oder Getränken, wenn der Kostaufbau nicht ausdrücklich freigegeben ist – auch nicht mit „nur einem Schluck Wasser“. Gelangt Nahrung in die Lunge, droht eine Lungenentzündung.
Notfälle und was zuhause bereitliegen muss
Notfälle sind selten, aber sie müssen vorbereitet sein. Die typischen Situationen sind die Verlegung der Kanüle durch eingetrocknetes Sekret, die versehentliche Dislokation, also das Herausrutschen der Kanüle, sowie eine Blutung am Stoma.
Am Bett gehören deshalb dauerhaft griffbereit:
- eine Ersatzkanüle in gleicher Größe sowie eine eine Nummer kleiner, falls sich das Stoma verengt hat,
- ein funktionsbereites Absauggerät mit Kathetern,
- ein Beatmungsbeutel mit passendem Anschluss,
- Kompressen, Halteband, Gleitmittel und Handschuhe sowie eine Spritze zum Entblocken bei geblockten Kanülen,
- ein Notfallblatt mit Diagnose, Kanülentyp und -größe, Beatmungsparametern und den Telefonnummern von Pflegedienst, Hausarzt und Klinik.
Prüfen Sie regelmäßig, ob das Absauggerät geladen und das Zubehör vollständig und haltbar ist. Bei Atemnot, die sich durch Absaugen nicht bessert, bei einer herausgerutschten Kanüle, die sich nicht problemlos ersetzen lässt, oder bei stärkerer Blutung gilt: Notruf 112 wählen und angeben, dass eine Trachealkanüle vorliegt.
Für Stromausfälle sollten Sie klären, welche Geräte einen Akku haben und wie lange er hält. Bei dauerhafter Beatmung ist eine Meldung beim Netzbetreiber sinnvoll.
Wobei wir helfen
Wir versorgen Menschen mit Trachealkanüle und Beatmung zuhause in Werl, Soest, Wickede, Ense und Umgebung. Unsere Pflegefachkräfte übernehmen Absaugen, Kanülenpflege und Kanülenwechsel, überwachen die Beatmungssituation und weisen Angehörige an dem Material ein, das tatsächlich verwendet wird.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine medizinische Beratung noch die persönliche Einweisung durch Fachpersonal. Über Kanülenversorgung, Kostaufbau und Beatmung entscheiden die behandelnden Ärztinnen und Ärzte im Einzelfall.
